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Gegen den Geburtenrückgang: Frauen an die Arbeit!

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  • 13 Februar 2012
von Michael Grimm
Licia Ronzulli, italienische Abgeordnete, sitzt mit ihrem Baby in einer Sitzung zur Abstimmung über ... / Credits: Reuters

Licia Ronzulli, italienische Abgeordnete, sitzt mit ihrem Baby in einer Sitzung zur Abstimmung über die Arbeitsbedingungen von Frauen im EU-Parlament in Straßburg. (Quelle: Reuters)

Der Geburtenrückgang wird effektiv aufgehalten, sobald Regierungen die Berufstätigkeit von Frauen fördern und die Probleme der alternden Gesellschaften aktiv angehen, sagte Monika Queisser, Vorsitzende des Bereichs Sozialpolitik der OECD, am Rande des Berliner Demografie Forums.

Welchen Eindruck haben Sie von den Diskussionen auf dem ersten Berliner Demografie Forum?
Ich war zunächst sehr beeindruckt von der hohen Besucherzahl. Die Veranstaltung hat mir auch deutlich gezeigt, welche Unterschiede es bei der Familienpolitik und der Frauenerwerbstätigkeit zwischen Deutschland und anderen OECD-Staaten gibt.

Es hat mich ziemlich überrascht, wenn nicht gar schockiert, als Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach berichtete, ein Drittel der Deutschen glaube immer noch, es schade den Kindern, wenn ihre Mütter in Teilzeit arbeiten. In vielen anderen OECD-Staaten gehören berufstätige Frauen zum wirtschaftlichen und sozialen Alltag.

Stimmt es, dass mit einer höheren Frauenerwerbstätigkeit auch die Geburtenrate steigt?

Bis in die 1980er Jahre hatten vor allem jene OECD-Staaten niedrige Geburtenraten, in denen viele Frauen berufstätig waren. – Familie und Karriere waren nicht vereinbar. Doch das hat sich geändert. Heute wirkt sich die Berufstätigkeit von Frauen positiv auf die Geburtenziffern aus.

In Ländern mit hoher Frauenbeschäftigung liegt die Ursache für diesen Wandel in der Tatsache, dass Frauen nicht mehr länger zwischen Kindern oder Karriere wählen müssen.

Gerade in die Bildung von Mädchen ist viel Geld investiert worden. Daher besuchen mehr junge Frauen die Universität und erwerben so Karriere-Chancen, die sie nicht wieder aufgeben wollen.

Auch unter gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist dies sinnvoll. Immerhin hat die öffentliche Hand viel Geld in ihre Ausbildung investiert.

Heutzutage können Frauen beide Rollen übernehmen, weil sie nicht mehr als Rabenmütter stigmatisiert werden, sobald sie nicht ausschließlich Hausfrau und Mutter sein wollen.

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Um die Geschlechterrollen aufzubrechen, sind passende politische Rahmenbedingungen nötig. Welche Länder sind hier führend?
Die Regierung muss in die Kinderbetreuung investieren. Benötigt werden auch Arbeitgeber, die flexible Arbeitsbedingungen bieten.

Die nordeuropäischen Länder sind ein gutes Beispiel. Die meisten bieten eine nahtlose Kinderbetreuung – von den Jüngsten bis zu den Schülern.

Zu den Angeboten für die Kinder passen die flexiblen Arbeitszeiten für die Eltern. Es ist daher nicht weiter überraschend, dass viele Frauen in den nördlichen Ländern im Öffentlichen Dienst arbeiten. Einerseits ist es einfacher, die Arbeitszeit zu reduzieren, andererseits gibt es keine Konferenzen, die erst um sechs Uhr abends beginnen. Die gesamte Arbeitsumgebung ist flexibler und ermöglicht mehr Zeit für die Familie.

Kürzere Arbeitszeiten sind aber nicht die einzige Möglichkeit, den Arbeitsplatz flexibel zu gestalten. Beim Berliner Forum wurde auch über Heimarbeit diskutiert. Flexibilität bedeutet auch, zwischen Teil- und Vollzeit wechseln zu können. Wer mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen, mit ihnen die Hausaufgaben erledigen oder einfach bei ihnen sein will, braucht andere Arbeitszeiten.

In den Ländern, die mit viel Erfolg für mehr Flexibilität in der Arbeitswelt gesorgt haben, gibt es aber noch einige Überzeugungen, die meines Erachtens beim Forum gefehlt haben.

Welche sind das?
Sehr ausgeprägt ist der Sinn für Gleichberechtigung. Indem diese Staaten ihre Angebote für alle Kinder geöffnet haben, verhindern sie die Trennung in gebildete Familien, die ihren Kindern sämtliche außerschulischen Aktivitäten ermöglichen können, und solche, die es sich nicht leisten können.

Wichtig ist auch die Situation der Alleinerziehenden. In den Diskussionen ging es um Wahlmöglichkeiten und bessere Bedingungen für Familien – das ist unwidersprochen. Aber es wurde nur sehr wenig darüber geredet, dass auch alleinerziehende Elternteile Geld verdienen müssen.

Wie können eine Mutter oder ein Vater Geld verdienen, wenn es keine Kinderbetreuung gibt? Wenn wir wirklich wollen, dass die Menschen am Arbeitsleben teilhaben und weniger von staatlicher Unterstützung abhängig sind, müssen wir die Unterhaltszuschüsse neu überdenken.

Wie lauten Ihre Empfehlungen?
Der Ausbau der Kinderbetreuung – das ist der Weg, den die deutsche Regierung derzeit einschlägt. Das ist schwierig, weil Deutschland sparen und Schulden abbauen will, es sollte aber Priorität haben.

Auch die gemeinsame steuerliche Veranlagung von Paaren ist eher ein Hindernis für Doppelverdiener oder für Mütter, die wieder arbeiten wollen.

Beim Berliner Forum hatte ich bei der Mehrheit der Redner nicht den Eindruck, dass sie den Ausbau der Frauenbeschäftigung für wichtig hielten. Das hatte anscheinend keine Priorität. Stattdessen wirkte es so, als sollte jeder mehr Zeit bekommen, um Frauen zu unterstützen, damit sie früher Kinder bekommen und so die Geburtenrate erhöhen.

Für mich war es überraschend, dass ein Land, in dem die Bevölkerung so schnell altert, nicht glaubt, das Potenzial an arbeitsfähigen Frauen mobilisieren zu müssen. Andere schnell alternde Länder wir Korea oder Japan haben bereits begriffen, dass sie die Frauen in den Arbeitsmarkt einbinden müssen, weil sie ansonsten mit der Überalterung nicht zurechtkommen und sich weder Sozialleistungen noch Renten leisten können.

Die Argumente der Wirtschaft kollidieren anscheinend noch immer mit den traditionellen Geschlechterrollen.
Stimmt. Ich glaube, wir brauchen eine ganz neue Rollenverteilung. Vorurteile müssen abgebaut werden. Nur weil Frauen versuchen, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen, sind sie keine schlechten Mütter.

Wir müssen Männer davon überzeugen, in Teilzeit zu arbeiten. Vermutlich kennt jeder aus seinem Freundeskreis Erzählungen von Vätern, die bei konservativen Firmen arbeiten und es nicht wagen, Teilzeitarbeit zu beantragen. Hier muss sich noch viel bewegen.

Ist eine veränderte Frauenrolle entscheidend, um mit den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft fertigzuwerden?
Wichtig ist sicher eine höhere Quote bei der Frauenerwerbstätigkeit. Aber beim Berliner Forum wurde auch betont: All die Babys, die in letzter Zeit nicht geboren wurden, haben bereits jetzt Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Selbst wenn es uns gelingt die Geburtenrate zu erhöhen, müssen wir immer noch mit dem Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung zurechtkommen. Daher ist es auch wichtig, die Beschäftigungsquoten älterer Arbeitnehmer zu verbessern.

Auch andere Gruppen müssen mobilisiert werden. Es gibt beispielsweise viele Menschen, die aufgrund einer Erwerbsunfähigkeit staatliche Leistungen erhalten. Sie nehmen nicht am Arbeitsleben teil, obwohl viele von ihnen gerne etwas tun würden. Es ist also nötig festzustellen, welche Gruppen derzeit vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Diese Menschen müssen verstärkt in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft integriert werden.



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